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Arbeitsmarkt vs. Werkstatt

Warum die Debatte falsche Fronten schafft

Bild Arbeitsmarkt vs. Werkstatt

 01. April 2025 |  Dieter Basener | Textbeitrag

  Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabe

Die pauschale Einordnung des allgemeinen Arbeitsmarktes als "gut" und der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen als "schlecht" ist nicht nur vereinfachend, sondern auch kontraproduktiv. Die Hierarchisierung ist eine falsche Dichotomie. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Die entscheidende Frage lautet: Welche Form der Teilhabe ist für wen unter welchen Bedingungen passend?

Finanzierungsmythen und Realitäten

Der Vorwurf, Werkstätten seien eine teure "Dauereinrichtung", ist bei näherer Betrachtung als Mythos. Prof. Uli Arnold legte schon vor 15 Jahren dar, dass zwischen 2002 und 2006 insgesamt 44 % der öffentlichen Mittel durch Löhne und Steuern wieder zurück in die Kassen flossen. Die Nettofinanzierung lag damit bei nur 56 % – ein Beleg für die ökonomische Eigenleistung der Werkstätten. Dies wurde in der Folge unter dem Stichwort "Return of Investment" (ROI) in der Werkstattszene breit diskutiert. Die Zahlen entschärfen die Kostendebatte und zeigen: Werkstätten dürfen nicht als bloßer "Kostenfaktor" betrachtet werden, sie sind ein wirtschaftlicher Akteur mit Kreislaufwirkung.

Die Einbahnstraße "Übergang Arbeitsmarkt"

Auch die Fixierung auf Vermittlungsquoten in den ersten Arbeitsmarkt greift zu kurz. Wesentliche andere Themen, etwa die über die Kernzielgruppen der WfbM – ältere Beschäftigte oder Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderungen – werden überlagert. Zu den Herausforderungen, für die Werkstätten stellvertretend für die Gesellschaft eine Antwort finden müssen, gehört unter anderem:

  • Der demografischer Wandel: Wie gestalten Werkstätten Übergänge für alternde Beschäftigte?
  • Die komplexer werdenden Bedarfe: Wie reagieren sie auf die wachsende Zahl von Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen?
  • Den zunehmende Marktdruck: Wie bewältigen sie wegbrechende Aufträge in Zeiten digitaler Transformation?

Diese Fragen verdeutlichen auch: Werkstätten sind mehr als "Warteschleifen der Inklusion" – sie sind dauerhafte Lebens- und Arbeitsräume für viele.

Reformagenda: Vom System zur Person

Es gibt aber auch einen Reformbedarf, der nicht nur Werkstätten betrifft, sondern generell eine zeitgemäße Inklusionspolitik einfordert. Bezogen auf die WfbM lauten die Forderungen:

  1. Personenzentrierung: Hilfepläne müssen noch stärker wegkommen von der "Systemlogik" hin zu einer "Subjektlogik". Sie müssen die individuelle Situation der Person, ihren Bedarf und ihre Wünsche zum Ausgangspunkt machen und Alternativen ermöglichen. Auch solche, die das eigene Angebot übersteigen.
  2. Flexibilisierung: Mehr ambulante Angebote, eine stärker virtuelle Qualifizierung und modularisierte Leistungen können starre Strukturen aufbrechen.
  3. Vernetzung: Kooperationen mit Schulen, Kommunen, Arbeitgebern oder Fachdiensten stärken die Einbindung in den Sozialraum.
  4. Transparenz: Sozialbilanzen und offengelegte Kennzahlen machen die Leistungen der Werkstätten sichtbar.
  5. Öffnung: Warum nicht Menschen ohne Behinderungen in Werkstätten integrieren? Dies würde sie zu inklusiven "Experimentierlaboren" machen.

Fazit: Weg von der Simplifizierung, hin zur Vielfalt und Wahlfreiheit

Die Debatte darf nicht länger von Vorurteilen geprägt sein. Werkstätten sind keine "Reservate", der Arbeitsmarkt ist kein Allheilmittel. Es braucht differenzierte Angebote, die der Vielfalt der Menschen gerecht werden und ihnen Wahlmöglichkeiten bieten. Werkstätten haben das Potenzial, durch Anpassung der Arbeit an den Menschen zu "Zentren angepasster Arbeit" zu werden. Dafür müssen sie sich reformieren. Politik und Gesellschaft müssen aber auch anerkennen: Inklusion ist kein Entweder-Oder, sondern ein Miteinander verschiedener Wege.

 

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