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Das Tanzlabor Leipzig

Grenzen sprengen mit eigensinnigen Körpern

Bild Das Tanzlabor Leipzig

 22. April 2024 |  Gudrun Heyder | Textbeitrag

  Haltung, Wahlfreiheit und Selbsbestimmung, Kostenfreie Artikel

Das Tanzlabor Leipzig ist eine offene mixed-abled Tanzkompanie für zeitgenössischen Tanz“, erzählt Anna Müller, die Inklusionsfachfrau des Tanzlabors, das zum Soziokulturellen Zentrum Die VILLA gehört. „Menschen mit verschiedenen Körpern, Menschen mit und ohne Behinderung tanzen bei uns, leiten bei uns Tanz an und lernen auch in der Ausbildung gemeinsam, wie sie Tanz inklusiv, das heißt für alle verständlich und umsetzbar, anleiten können. Auch die Gruppe aus Menschen mit Behinderung setzt sich vielfältig zusammen.“

„Klare || Kante“ heißt ein aktuelles Stück des Tanzlabor Leipzig. Drei TänzerInnen erforschen Spielräume, Grenzen und logo – klare Kanten. „Der Tanz eröffnet die Möglichkeit, Muster und Strukturen loszulassen und Neues auszuprobieren“, beschreibt Anna Müller die Produktion. Tänzern Katja Mieder schildert es so: „Chaos verbindet mich mit dem neuen Stück. Ich will für mich selbst herausfinden, wie ich den Begriff Chaos tänzerisch in meinem Rollstuhl umsetzen kann. Chaos im Alltag zu haben, das ist etwas völlig anderes, als Chaos tänzerisch umzusetzen.“ Ausgehend von diesem Zustand der Unordnung und Unsicherheit erarbeitet sich das Team neue Handlungsräume und überschreitet Gewohntes. „Verlässliche Strukturen und Sicherheiten sind aufgelöst und neue wechselseitige Dynamiken im Innen und Außen entstehen“, so Anna Müller. Wo eröffnen sich neue Spielräume? Was braucht es, um sich darin zu bewegen? Gemeinsam erkunden die TänzerInnen mit ihren eigensinnigen Körpern, was anders und neu ist. Sie erkunden Grenzen und Kanten, spielen mit Nähe und Distanz, stellen Erwartungen infrage, untersuchen Räume, wechseln Perspektiven und suchen nach Sicherheiten. Wie kann Veränderung gelingen?

Alle TänzerInnen lernen ihren Rollstuhl aufgrund der vielen Proben und Aufführungen ganz anders kennen. Und ihr Selbstbewusstsein wächst dadurch. Anna Müller: „Wir hören von unseren AkteurInnen mit Behinderung oft, wie sehr ihnen der persönliche Selbstausdruck im Tanz hilft, ihren Körper fit zu halten, ihn wertschätzend anzunehmen und sich so zu zeigen, wie sie sind. Das ist für jeden Menschen eine gewaltige Herausforderung - und wenn sie gelingt, ist sie mit sehr viel Glücksgefühl verbunden.“

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Klare Kante - Foto: Sophie Meuresch

In der Anfangszeit stand vor allem der „Mensch mit Behinderung" im Vordergrund

Ein sehr vielfältiges Publikum besucht das Tanzlabor Leipzig. „Neben Freunden und Familie kommen am Thema Inklusion Interessierte und Kunstinteressierte zu unseren Aufführungen“, erklärt Anna Müller. „Sie sind sehr gut besucht und regen immer zu einem intensiven Austausch an.“ In der Anfangszeit des Tanzlabors ab 2007 stand vor allem der Faktor „Mensch mit Behinderung auf der Bühne“ im Vordergrund. „Damals waren andere Bilder von Behinderung in der Gesellschaft vorherrschend und auch andere Ideale von einem tanzenden Körper“, blickt Anna Müller zurück. Dass Menschen mit Behinderung performen, sei auch heute noch ein Thema. Aber immer mehr stehen künstlerische Themen in der Auseinandersetzung mit den Stücken im Vordergrund. „Je öfter das Tanzlabor auftrat, desto normaler wurde auch der Umgang des Publikums mit den PerformerInnen mit Behinderung“, so Anna Müller. 

Inklusion verwirklicht das freie Ensemble beständig: Einmal im Jahr bietet das Tanzlabor Leipzig einen mehrteiligen Kurs für Freies Tanzen in der Diakonie am Thonberg an. Die Diakonie ist barrierefrei und schafft damit Zugänge. Mitarbeitende der Werkstatt nehmen außerdem im Tanzlabor an Projekten teil. Anna Müller erläutert zur Kooperation: „Menschen mit Behinderung leben oftmals in Parallelwelten, weil viele gesellschaftliche Orte nicht ausreichend inklusiv sind. Unsere Räume beim Tanzlabor Leipzig sind zwar zugänglich für zum Beispiel Rollstühle, aber dennoch entstehen Ausschlüsse. Das fängt schon beim Weg zum Freien Tanzen an, gegebenenfalls braucht es Mobilitätsassistenz oder einen Fahrdienst.“ Das sei jedoch nicht für alle Personen leicht organisierbar oder sie brauchen Unterstützung. Dank der Kooperation mit der Diakonie erreicht das Tanzlabor Leipzig Menschen, die nicht in die VILLA kommen können. Anna Müller: „Das Freie Tanzen bieten wir zweimal im Monat in der VILLA an. Hier kann jede Person einfach kommen, mittanzen und die Bewegungsqualitäten des eigenen Körpers erforschen. Es ist kostenlos und ohne Anmeldung. Das ist das Herzstück des Tanzlabor Leipzig.“

Menschen mit Beeinträchtigung sind aktuell von vielen Bühnen ausgeschlossen

Das Ziel bei den Produktionen sei es, mixed-abled Tanzstücke zu kreieren, die in der lokalen Kunstszene Beachtung finden. Alle großen Produktionen finden im LOFFT – DAS THEATER statt. In die Kulturszene Leipzigs ist das Tanzlabor Leipzig „stabil eingebunden und vielen ein Begriff“, berichtet Anna Müller. „Wir versuchen regelmäßig im öffentlichen Raum durch kleinere Performances sichtbar zu sein und sind in kulturellen sowie inklusiven Netzwerken aktiv. Durch Kooperationen mit Tanzensembles zum Beispiel in Köln oder Bremen oder durch Auftritte, wie etwa 2023 in Kassel, gibt es auch überregionale Schnittstellen.“ Die neueste Produktion wird im September 2024 im LOFFT - DAS THEATER Premiere feiern. „Es wird um Berührungen und Begegnungen zwischen den verschiedenen PerformerInnen auf der Bühne und auch mit dem Publikum gehen“, erklärt Anna Müller. „Wie berühren wir? Wir kommunizieren wir miteinander über Berührung? Wann oder wo fängt eine Berührung an?  Diese Fragen stellen sich die PerformerInnen.“ 

Inklusiver Tanz und inklusives Theater wie im Tanzlabor Leipzig: Muss das überall selbstverständlich sein? „Jedes Ensemble sollte grundsätzlich die Möglichkeit bieten, inklusiv zu sein“, findet Anna Müller. „Nicht jede Aufführung muss per se Menschen mit Behinderung einbeziehen, genauso wie es auch Aufführungen geben kann, bei denen nur Menschen mit Behinderung auf der Bühne stehen. Mir geht es vielmehr um Offenheit.“ Menschen mit Behinderung seien aktuell von vielen Bühnen ausgeschlossen, wegen der fehlenden barrierefreien Strukturen in den Theatern oder Tanzräumen, aber zum großen Teil auch wegen fehlender Möglichkeiten, überhaupt eine Tanzausbildung absolvieren zu können. So wie es bei Katja Mieder ist, die sich gerne an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden hätte ausbilden lassen. „Genau an diesen Strukturen muss gearbeitet werden, hier muss sich was ändern!“ fordert Inklusionsfachfrau Anna Müller.

Kontakt

Tanzlabor Leipzig
Soziokulturelles Zentrum Die VILLA (Träger: VILLA gGmbH), Lessingstrasse 7, 04109 LeipzigAnsprechpartnerinnen: Franziska Oertel, Anna Müller

Mail: kontakt(ät)tanzlabor-leipzig.de
Telefon: 0176 36 35 41 64
Webseite: www.tanzlabor-leipzig.de

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Freies Tanzen - Foto: Tom Dachs

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