"Es ist etwas Einmaliges, dass ich ohne Studium lehren darf"

Um angehende Sonderpädagogen praxisnah auszubilden, startete die Stiftung Drachensee, ein Werkstattträger in Kiel, 2009 das Projekt "Meine Welt". Dabei berichteten Menschen mit Behinderung aus Werkstätten in Hochschulveranstaltungen über ihr Leben. Die positive Resonanz führte 2013 zum dualen Qualifizierungsprogramm "Bildungsfachkraft", das Teilnehmende auf Lehr-Einsätze an Hochschulen vorbereitete. Sechs Absolventen schlossen die Ausbildung bis 2016 ab.
Um die Arbeit zu professionalisieren, gründete die Stiftung daraufhin das "Institut für Inklusive Bildung" (IIB). Das Projekt gewann bundesweit Anerkennung und expandierte: 2022 wurden die Bildungsfachkräfte fest an der Universität Kiel angestellt. Sie unterrichten mittlerweile in über 80 Lehrveranstaltungen.
Das IIB unterstützt inzwischen andere Bundesländer bei der Einführung ähnlicher Programme, z.B. in Köln, Magdeburg oder Heidelberg. Aus einer kleinen Idee wurde eine bundesweite Bewegung: Menschen mit Behinderung erhalten feste Jobs, faire Bezahlung und zeigen ihre Expertise – statt nur als "Hilfeempfänger" wahrgenommen zu werden. Die Projekte stärken Inklusion dort, wo Menschen miteinander arbeiten und lernen.
Wir sprachen mit der Bildungsfachkraft Samuel Wunsch über seine Tätigkeit und seine berufliche Laufbahn. Der ehemaliger Mitarbeiter der Werkstatt der Stiftung Drachensee in Kiel gehörte zu den ersten Bildungsfachkräften, die am Institut für inklusive Bildung ausgebildet wurden.
53° NORD: Herr Wunsch, wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Samuel Wunsch: Ich beginne um 8:00 und arbeite bis 16:00 Uhr, freitags bis 14:00 Uhr. Die Zeiten sind flexibel, da wir oft an Hochschulen in Seminaren oder Workshops tätig sind.
Geben Sie eigene Veranstaltungen?
Nein, wir begleiten sie. Wir berichten über die Praxis, die Professoren vermitteln die Theorie. Wir teilen unsere Erfahrungen und schildern die Barrieren, die wir erlebt haben.
Über welche Themen sprechen Sie genau?
Es geht um unsere Erfahrungen in Schulen, mit dem Lernen und im Beruf und um die Haltung der zukünftigen Lehrkräfte.
Wie gehen Sie vor?
Wir arbeiten meist in Tandems, um verschiedene Lebenswelten zu repräsentieren. In Vorlesungen sind wir oft mehrere Bildungsfachkräfte. Zuerst mal ist es wichtig, dass die Studierenden uns kennenlernen. Wir entwickeln gemeinsam Ideen für einen inklusiven Arbeitsmarkt und geben Handlungsempfehlungen.
Sind Sie das ganze Semester über dabei?
Meistens sind wir nur für ein bis zwei Termine in den Seminaren. Manchmal gibt es auch Blockseminare.
Was berichten Sie über Behinderungen, die Sie nicht selbst betreffen?
Sinnes- oder Körperbehinderungen vermitteln wir durch Simulationsübungen, z. B. mit Brillen oder Hörsimulationen. Zudem organisieren wir Exkursionen in Werkstätten, wo Studierende einen Tag lang mit Mitarbeitenden arbeiten und ins Gespräch kommen. Das schafft Verständnis.
Müssen Sie sich jedes Mal neu auf die Veranstaltung vorbereiten?
Ja, wir bereiten sie immer vor. In der Regel mit einer anderen Bildungsfachkraft oder einer Bildungspartnerin, besonders bei neuen Zielgruppen.
Was ist die Aufgabe Ihrer Begleiterin?
Sie unterstützt uns in der Vorbereitung, moderiert und achtet auf die Zeit. Sie ist auch eine wichtige Ansprechperson.
Wie oft sind Sie in der Woche unterwegs?
Durchschnittlich zwei bis drei Mal. Manchmal sind es auch an einem Tag mehrere Seminare.
Seit wann haben Sie in der Werkstatt gearbeitet?
Seit 2001, zunächst im Berufsbildungsbereich, dann im Arbeitsbereich.
Wann haben Sie mit dieser Arbeit angefangen?
Ich begann 2009 im Vorgängerprojekt "Meine Welt" und war 2013 Teil des Projekts Inklusive Bildung.
Wie sind Sie zu der Qualifizierung gekommen?
Es gab eine Ausschreibung, und ich wurde ermutigt, mich zu bewerben. Ich wusste sofort, dass das meine Chance war.
Worin bestand die Qualifizierung?
Es war eine Vollzeitqualifizierung, in der wir uns mit den Themen Bildung, Wissen und mit unseren Lebenswelten auseinandersetzten.
Hat die Qualifizierung Sie verändert?
Ja, ich habe Kompetenzen wie Sozialkompetenz und Teamarbeit erlernt.
Wie leben Sie heute?
Ich lebe seit vor meiner Qualifizierung in einer eigenen Wohnung in Kiel und zahle die Miete selbst. Dank meiner Arbeit kann ich gut leben.
Das gelingt nicht vielen.
Stimmt. Dass ich ohne Studium lehren darf, ist etwas Besonderes.
Welche Möglichkeiten sollten behinderte Menschen in unserer Gesellschaft haben?
Sie müssen selbst entscheiden können, was sie wollen – ob Wohnen, Arbeiten oder Lernen. Respekt und Wahlfreiheit sind entscheidend.
Wenn Sie Studenten etwas mit auf den Weg geben wollen: Was ist Ihre wichtigste Botschaft?
Gehen Sie individuell auf Schüler mit Behinderung ein, fragen Sie, was sie brauchen! Ermöglichen Sie Lernerfolge! Arbeiten Sie mit Eltern zusammen. Die wichtigste Haltung ist: Selbstbestimmung ermöglichen, die Menschen ernst nehmen!
Wo stehen Sie in der Debatte um Werkstätten?
Menschen sollten selbst wählen können. Werkstätten bieten Sicherheit für manche. Aber die Betriebe sollten ihnen auch die Chance auf einen festen Job geben.
Vielen Dank für Ihre Auskünfte, Herr Wunsch.
Sehr gerne. Ich danke auch.
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