Exzellent:Bildung-Preisträger schließt sein Demokratie-Projekt ab
Großveranstaltung der Vogtlandwerke zur Bundestagswahl mit Politikern

Der 30. Januar 2025 war für die Vogtlandwerke ein großer Tag. In ihrer Hauptwerkstatt Naitschau fand der krönende Abschluss des Demokratie-Projekts "Meine Stimme zählt" statt: Ein Tag unter dem Motto "Zukunft Deutschland" mit einer Fragerunde an Politiker zur bevorstehenden Bundestagswahl.
Wahlrecht erst seit fünf Jahren
Die Absicht des 2022 gestarteten Projekts war es, den Werkstattbeschäftigen Demokratie näherbringen, sie zu informieren, sie in die Lage zu versetzen, sich ihre eigene Meinung zu bilden und mit der Wahl ihr Bürgerrecht wahrzunehmen. Initiator war der pädagogische Leiter der Vogtlandwerke, René Markert, der das anspruchsvolle Vorhaben mit dem Werkstattrat und der Projektleiterin Elisabeth Hieke vom Sozialen Dienst der Werkstatt umsetzte. Sein Motiv benennt er so: "Bis vor fünf Jahren hatten die meisten unserer Beschäftigten noch gar kein Wahlrecht und waren von politischen Entscheidungen ausgeschlossen. Es ist für sie eine große Herausforderung, dieses Wahlrecht auszuüben, zumal die unterschiedlichen Zuständigkeiten der Kommunen, der Länder und des Bundes und auch die Wahlprozedur nicht leicht zu durchschauen sind. Auch Menschen ohne Behinderung tun sich mit der politischen Meinungsbildung oft nicht leicht."
Die Abschlussveranstaltung zur Bundestagswahl empfanden René Markert und sein Team als "überwältigenden Erfolg". Die Teilnahme war freiwillig, aber 90 Prozent der Mitarbeiter der Naitschauer Werkstatt nahmen an der Veranstaltung teil. Hinzu kamen Vertreter anderen Betriebe der Vogtlandwerke, Schüler der Förderschule, einer Förderstätte, Eltern, Angehörige und Betreuer. Bei den Fragen an die Vertreterinnen und Vertreter der politischen Parteien aus dem Wahlkreis, darunter die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Kaiser, ging es tatsächlich dem Motto des Tages entsprechend um die "Zukunft Deutschlands". An ihren Ständen diskutierten die Politiker mit den Teilnehmern. Die Politik-AG des Greizer Gymnasiums erläuterte an Infoständen mit Schaubildern politische Prozesse und den Wahlablauf.
Politik ist auch für Werkstattbeschäftigte ein wichtiges Thema
Den Höhepunkt des Tages bildete ein einstündiger Polit-Talk. Beschäftigte und Mitglieder des Werkstattrats stellten den Parteienvertretern Fragen zu den Themen Wirtschaft, Soziales, Migration, innere Sicherheit und Bildung. René Markert schildert die Atmosphäre dieser Diskussion als äußerst lebhaft: "Unsere Fragesteller brachten die Politprofis mehr als einmal ins Schwitzen. Sie zeigten keine Berührungsängste, redeten, wie der Schnabel gewachsen war, direkt und gnadenlos."
Die Veranstaltung zeigte, wie sehr Werkstattbeschäftigte an Tagesereignissen und an der politischen Diskussion Anteil nehmen. René Markert: "Sie sehen fern und sprechen in der Familie, im Freundeskreis, in der Werkstatt über das, was sie bewegt. Und sie nehmen die Informationen oft sehr emotional auf: Auf Zugunglücke, Flugzeugabstürze, Attentate oder Kriege reagieren sie mit Betroffenheit, zum Teil mit Ängsten und sind damit auch anfälliger für linke und rechte Strömungen. Umso wichtiger ist es, unterschiedliche Auffassungen zu Wort kommen zu lassen."
Vier Stufen des Projekts
Der Veranstaltung zur Bundestagswahl gingen in dem Projekt drei Stufen voraus. Die 1. Stufe startete mit einem Veranstaltungstag im Mai 2023. Es ging darum, Basiswissen zur Demokratie zu vermitteln, um Fragen wie "Was ist eine Wahl?", "Was entscheidet die Politik?", "Was sind Parteien?", "Welchen Einfluss kann ich mit meiner Stimme nehmen?" oder "Welches Gewicht hat meine Stimme?" René Markert: "Bei der Vermittlung des Grundwissens haben sich die Kolleginnen und -kollegen der Werkstatt sehr engagiert. Sie haben zu den einzelnen Themen Stände geplant und ihr Thema veranschaulicht, mit Schaubildern, in einfacher Sprache und mit Mitmachaktionen. Eine tolle Gemeinschaftsleistung, die bei den Beschäftigten Interesse weckte für das, was noch folgte."
In den weiteren Stufen ging es um die Wahlen, die in Thüringen 2024/25 in kurzen Abständen stattfanden und in der Bundestagswahl im Februar 2025 enden. Stufe 2: Zur Kommunalwahl im Mai lud die Werkstatt Bürgermeister aus Städten und Gemeinden ein, die sich vor 250 Teilnehmern vorstellten, über ihre Arbeit berichteten und sich den Fragen stellten. Stufe 3: Zur Landtagswahl im September fuhr eine Delegation aus der Werkstatt zum Landtag nach Erfurt. Die Teilnehmer waren ausgelost worden. Neben einer Landtagsführung standen Gespräche mit Politikern auf dem Programm. Flankiert wurde diese dritte Stufe von einer Euthanasie-Ausstellung des Erinnerungsortes Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz. Sie sollte verdeutlichen, wohin Extremismus führen kann. Die 4. Stufe, die Veranstaltung zur Bundestagswahl, war ursprünglich für Juni 2025 geplant, musste aber durch das Scheitern der Ampelregierung vorgezogen werden.
Skepsis und kritische Stimmen zu Anfang
Wenn sich auch im Nachhinein alle einig waren, dass sich das Projekt gelohnt hat, gab es doch zu Anfang kritische Stimmen. René Markert: "Die zentrale Frage an uns Organisatoren lautete: Was wollt ihr bezwecken? Wollt ihr die Wahl beeinflussen und Stimmen für CDU oder SPD sammeln? Zum Schluss war klar, dass dies genau nicht unsere Absicht war, sondern dass es um die Befähigung ging, sich eine eigene Meinung zu bilden und eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen."
Nahrung bekam die Skepsis auch dadurch, dass die AfD zur Vorstellung der Parteien und zur Podiumsdiskussion nicht eingeladen war. René Markerts Begründung: "Unsere Werkstatt gehört zur Diakonie Mitteldeutschland. Die hat die Richtlinie herausgegeben: Wir geben nur Parteien aus dem demokratischen Spektrum eine Bühne. Daran waren wir gebunden." Und er fügt hinzu: "Ich selbst bin kein Freund solcher Beschränkungen. Um sich mit dem Standpunkt der AfD auseinanderzusetzen, braucht es den Diskurs. Man muss sie auf der fachlich-sachlichen Ebene stellen."
Gibt es unter den Angestellten und unter den Werkstattbeschäftigten nicht auch AfD-Sympathisanten? René Markert: "Im Kreis Greiz hat die AfD ein Drittel der Stimmen erhalten und die Mitarbeiterschaft der WfbM ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Politische Agitation ist aber bei uns kein Thema. Die KollegInnen stehen im Arbeitsverhältnis. Wir legen Wert darauf, die Beschäftigten nicht zu beeinflussen und ich glaube, das gelingt uns auch. Offene Beeinflussung habe ich noch nicht erlebt. Wenn die Beschäftigten sich für die AfD entscheiden, dann ist das ihr demokratisches Recht und wir werden sie nicht davon abbringen."
Bundesweite Anerkennung
Dass das Projekt in der Werkstatt als Erfolg verbucht wurde, dazu trug auch die Aufmerksamkeit und Anerkennung von außen bei. Unterstützt wurde es vom Programm Demokratie leben! des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben und vom Programm DenkBunt des Thüringer Kultusministeriums. Das Projekt belegte zudem den zweiten Platz beim Thüringer Demokratiepreis 2024 und ebenfalls einen zweiten Platz beim Exzellent:Bildung-Preis der BAG WfbM.
Die nächste Bewährungsprobe für die neue Demokratie-Kompetenz stellt sich für die Beschäftigen der Vogtlandwerke im Herbst 2025: Dann stehen die Wahlen zum Werkstattrat an.
Zurück zur Artikelübersicht